100 Jahre Tierpark

Wenige Jahre nach Anlage des Stadtwalds, wurde Fritz Encke im Jahre 1903 Nachfolger von Gartendirektor Kowallek. 1908 wurde mit der Anlage des Tierparks, einem 8 ha großen Wildgehege, in dem bereits bestehenden Stadtwald begonnen. Der noch heute durch den Tierpark verlaufende Bach und auch der kleine Weiher basieren auf der ursprünglichen Planung von Kowallek. Das projektierte Gelände war aufgrund seiner gartenarchitektonischen Gestaltung und des Vorhandenseins von frischem Wasser für die Haltung von Tieren besonders geeignet. Das Gehege wurde zunächst nur mit Dam- und Rehwild besetzt, auf den Gewässern wurden darüber hinaus gezielt Schwäne, Enten und Wasserhühner angesiedelt.

Während und auch nach dem Ersten Weltkrieg sind keine grundlegenden Veränderungen im Wildpark belegt, so dass davon ausgegangen werden kann, dass weiterhin vor allem Damwild und ggf. auch Rehwild dort gehalten wurde. Im Juli 1920 wurde mit dem Bau einer 750 m langen Kanalanlage, vom Stadtwaldweiher bis in den nordöstlichen Teil des Stadtwaldes, begonnen. Sie wurde im Winter für Schlittschuhsport und im Sommer für Kanufahrten genutzt. Der neue breite Kanal bildete nun die nördliche Begrenzung des Wildgeheges.

Man geht davon aus, dass der Charakter des Wildgeheges mit Dam- und Rehwild bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bestanden hat. Vermutlich während des Krieges wurde der Wildpark geschlossen und der darin gehaltene Tierbestand aufgelöst. Nach dem Krieg war zunächst an eine Wiedereröffnung des Wildgeheges nicht zu denken. Das städtische Grünflächenamt war vielmehr damit befasst, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und vor allem auch mit Brennholz sicherzustellen. In diesem Zeitraum wurden größere Flächen des Tierparks der darbenden Bevölkerung zur Verfügung gestellt um dort Kartoffeln und Gemüse anzubauen.

Schon 1949/50 wurde die durch Bombenabwürfe zerstörte Tondichtung des Stadtwaldweihers wiederhergestellt und der Weiher wieder gefüllt. Wenige Jahre später wurden nachzuholende Auslichtungen und andere Pflegearbeiten im Stadtwald durchgeführt, so dass zum Anfang der 1950er Jahre der Stadtwald wohl wieder in seinen alten Zustand versetzt war.

Ob von Seiten des Gartenamtes zu diesem Zeitpunkt schon eine Wiedereröffnung des Wildparks geplant war, ist nicht belegt, von Seiten der Bevölkerung kam jedoch die Anregung hierzu. Und so wurde 1951 der Wildpark im Stadtwald wiedereröffnet. Bevor jedoch ein Spießer und drei Muttertiere Damwild eingesetzt werden konnten, musste das Gehege mit einer 2.000 m langen Zaunanlage eingefriedet werden. Schon ein Jahr nach der Neueinrichtung des Lindenthaler Wildparks hatte sich der Bestand auf 10 Stück Damwild und 3 Rehe erhöht. Zur Belebung der Wasserflächen wurden 9 Schwäne und 30 Enten ausgesetzt. Wildlebendes Wassergeflügel war so kurze Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in den Kölner Parkanlagen wohl eine Seltenheit, denn 1953 wurden über den Tierpark Hagenbeck ein paar Schwäne und Enten beschafft.

Der Wildpark muss in den ersten Jahren nach Wiedereröffnung regen Zulauf gefunden haben, denn ein privater Unternehmer bot schon ab 1961, die sehr beliebten Ponyrundfahrten für Kinder am Eingang des Wildgeheges an. Um die Attraktivität des Tierparks langfristig zu erhalten, wurde festgelegt, dass ein Grundbestand an Tieren, die sich jährlich jeweils um die Nachzucht vermehren, von 4 Ponys, 20 – 25 Damwild und 30 Ziegen angestrebt werden sollte.

Dieses Ziel wurde jedoch nicht erreicht, und schon 1985 gab es 63 Damwild, 27 Ziegen, 5 Ponys und sogar noch zusätzlich 2 Pferdefohlen neben dem sonstigen Geflügel. Der Bestand an Damwild steigerte sich 1986 auf 86 und 1987 sogar auf 113 Tiere. Erst in der Mitte der 1990er Jahre konnte der angestrebte Bestand wieder erreicht werden. Durch Verkauf der überschüssigen Tiere konnte der Zwergziegenbestand schon zum Ende des Jahres 1991 auf 11 Ziegen reduziert werden. Von Dauer war dies jedoch nicht, denn schon 1996 war der Bestand wieder auf 23 Tiere angestiegen. Obwohl der Tierpark im Stadtwald bei der Kölner Bevölkerung äußerst beliebt war und bis heute geblieben ist, spiegelte sich dies nicht in der Ressourcenausstattung des zuständigen Amtes für Landschaftspflege und Grünflächen wider. Die prekäre Finanzlage der Städte um die Jahrtausendwende hatte zur Folge, dass lange Zeit notwendige Investitionen für eine artgerechte Haltung und Weiterentwicklung des Tierparks aufgrund fehlender Haushaltsmittel nicht durchgeführt werden konnten. Die Grünverwaltung sah sich sogar gezwungen, aufgrund der restriktiven Einsparvorgaben den Bestand aller Kölner Wildparks in Frage zu stellen. Schon die Ankündigung dieses Vorhabens stieß bei der Bevölkerung aber auch bei den Kölner Ratspolitikern auf erhebliches Unverständnis und Protest, mit der Folge, dass dieses Vorhaben nicht weiterverfolgt wurde.

Die Diskussion in der Öffentlichkeit hatte zur Folge, dass sich eine Gruppe von interessierten Bürgerinnen und Bürgern zusammengefunden hatte und im Jahr 2000 den Verein der Freunde und Förderer des Lindenthaler Tierpark e.V. gründete. Dieser Verein verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke zur Unterstützung der Arbeit und der Instandhaltung im Lindenthaler Tierpark. Besonderes Augenmerk wird auf das Wohlergehen der Tiere gelegt. Nachdem die für eine artgerechte Haltung der vorhandenen Tiere unbedingt erforderlichen Sanierungsmaßnahmen durchgeführt waren, wurde die Planung für ein neues 2.100 m2 großes Geflügelgehege in Angriff genommen. 2006/2007 konnte dieses Gehege, wiederum mit finanzieller Unterstützung des Fördervereins, errichtet werden.

Mit dem Neubau des Geflügelgeheges und der Sanierung des Ziegengeheges sind die umfangreichen Sanierungsarbeiten im Tierpark entsprechend des Gesamtkonzeptes abgeschlossen. Der Tierbestand in dem heute 12,3 ha großen Tierpark ist in seiner Artenzusammensetzung vielfältig und kann artgerecht gehalten werden.

Der Lindenthaler Tierpark ist heute, nach genau 100 Jahren, in einem sehr guten Zustand. Die Attraktivität dieser Anlage, insbesondere für Kinder, ist immer noch so hoch, wie sie über die vielen Jahrzehnte gewesen ist.

Text: Dr. Joachim Bauer